
von Jodi Picoult
Kurz & knapp:
Sterling, New Hampshire: Der 17-jährige Peter Houghton richtet an seiner Schule ein Blutbad an – er erschießt 10 Mitschüler. Die Tat erschüttert die kleine Stadt bis in die Grundfesten und jeder stellt sich die Frage, warum Peter diese unaussprechliche Tat begangen hat.
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»Wenn Du das hier liest, bin ich hoffentlich tot.«
Ich kann mir gut vorstellen, dass sich viele Autoren ihr Köpfchen darüber zerbrechen, einen packenden Anfangssatz für ihren Roman zu finden. Einen, der den Leser von Anfang an mit sich zieht und nicht mehr loslässt.
Unser Einstiegssatz in »Neunzehn Minuten« verspricht sehr viel, er erzählt von Dramatik, Trauer und Verzweiflung – und das muss er natürlich halten. Eine schwere Bürde für so einen kurzen Satz. Aber um eines vorwegzunehmen: Er schafft es!
Einen Amoklauf zu thematisieren ist eine ziemlich heikle Sache, besonders in Zeiten, wo die Bilder der Opfer von Winnenden und Erfurt noch tief ins Gedächtnis der Menschen eingebrannt sind.
Trotz allem ist Picoult diese Gratwanderung vorzüglich gelungen.
Der Roman beginnt mit einem Brief, der viele Fragen offen lässt: Wer schrieb ihn? (Gut, das lässt sich vielleicht erahnen ...) Warum wurde er geschrieben? Und was zur Hölle ist eigentlich passiert?
Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, u.a. kommt auch Peter selbst zu Wort. Und das ist einfach wahnsinnig spannend, allerdings auch recht traurig. Wir werden in seine Kindheit mitgenommen und bekommen mit, wie er, schon als kleiner Junge, immer wieder Opfer von Demütigungen seiner Mitschüler wird, die mit dem verträumten Jungen nicht viel anfangen können. Das mag vielleicht für den ein oder anderen klischeehaft und nach einem allzu stereotypen Täterprofil klingen, dennoch ist es Tatsache, dass Mobbing an Schulen stark verbreitet ist – warum sollte Picoult dies nicht auch detailliert schildern?
Auch Peters Mutter, seine ehemals beste Freundin Josie, mit der er aufgewachsen ist und deren Mutter kommen zu Wort. Sie erzählen von der damals engen Freundschaft zwischen Peter und Josie und von der Entzweiung ihrer Mütter.
Als Josie sich später aus Coolness-Gründen von ihm abwendet, möchte man sie geradezu schütteln, ist sie doch seine einzige Vertrauensperson.
Nun hat Peter niemanden mehr ...
Picoult verzichtet in ihrem Roman auf die klassische Schwarz-Weiß-Malerei, so dass der Täter nicht automatisch durch und durch böse ist und die Opfer heilig gesprochen werden. Ich möchte einen Amoklauf nicht beschönigen, aber man kann Peter beim Lesen des Romans eigentlich kaum hassen, vielmehr empfindet man entsetzliches Mitleid mit ihm, während sein Leben nach und nach den Bach runter geht.
Das Ende des Romans gestaltet Picoult überraschend. Meiner Meinung nach ist es allerdings auch gleichzeitig die Schwachstelle des Buchs, da ich die Wandlung nicht ganz nachvollziehen und ein wenig unglaubwürdig fand.
Aber ein bisschen was zu meckern gibt's ja immer, dieser kleine Kritikpunkt sollte keinen davon abhalten, das Buch zu lesen. Neben »Wir müssen über Kevin reden« von Lionel Shriver (genial!) ist es mit das Beste, was ich je zu dem Thema gelesen habe.
Vielleicht ein wenig off-topic aber hochinteressant – die Null-Toleranz-Politik an US-Schulen als Präventionsmaßnahme.
Wir wissen ja nun alle, wie die Vereinigten Staaten in Krisensituationen reagieren:
Die Hetzjagd wird ein-, der gesunde Menschenverstand ab- und die Wahrung der Privatssphäre des Einzelnen ausgeschaltet.
Und was passiert?
Der Wahnsinn greift um sich.
Da zeichnet ein siebenjähriger Junge in der Schule ein Strichmännchen, welches eine Pistole in der Hand hält.
Nicht schlimm, mag sich der leichtfertige Bürger denken. ABER: Die Pistole zeigt auf ein anderes Strichmännchen! Spätestens jetzt sollte jeder vernünftige Mensch einsehen, dass der Schulverweis voll und ganz berechtigt war. Von einem Siebenjährigen kann man doch etwas mehr Weitsicht erwarten ...
Und wo kämen wir denn da hin, wenn jedes Kind, das zu seinem Geburtstag Kuchen für die Mitschüler und – ein Kuchenmesser! – mitbringt, nicht ebenfalls der Schule verwiesen würde. So geschehen im US-Bundesstaat Delaware.
Im selben Bundesstaat wagte es ein sechsjähriger frischgebackener Pfadfinder, stolz wie Oskar, sein neues Campingbesteck mit in die Schule zu bringen – ihm drohten 45 Tage in einer Besserungsanstalt.
Lächerlich, man hätte ihn gleich nach Guantanamo schicken sollen.
Und Folgendes lässt einen doch nur noch fassungslos dastehen:
In einer texanischen Kleinstadt dürfen sich Lehrer bald bewaffnen. Nein, natürlich nicht mit Tränengas sondern mit Pistolen. Wer jetzt vorschnell die Hände überm Kopf zusammenschlägt, sollte bedenken, dass die Lehrer immerhin einen Waffenschein machen und einen Kurs in Krisenmanagement absolvieren müssen.
Die Idee ist doch genial! Wieso das Recht auf Waffenbesitz einmal überdenken, wenn man doch Waffengewalt mit Waffengebrauch entgegentreten kann?
Im Übrigen ist auch Denunziation wieder in, etwas, was dem Menschen irgendwie zu eigen ist, wie ich fürchte.
Wer verdächtige Mitschüler anschwärzt, kann sich für 10 Minuten als Held fühlen. Zumindest so lange, bis er bemerkt, dass er durch die Kameraüberwachung an seiner Schule eigentlich »per default« selbst verdächtig ist.
Äußerst aufschlussreich sind auch die vor Selbstgerechtigkeit triefenden Antworten auf die Frage, wer denn nun Schuld ist an unserer degenerierten Jugend:
Sind es Ego-Shooter? Oder vielleicht doch Marilyn Manson?
Auf die Frage hin, was er den Kids sagen würde, antwortete Manson:
»I wouldn't say a single word to them, I would listen to what they have to say, and that's what no one did« (Bowling for Columbine).
Und so ein Monster lassen wir frei rumlaufen ...?
