Dienstag, 24. November 2009

2012


von Brian D'Amato

Kurz & knapp
Jed Delanda, ein Nachkömmling der Maya, der mittlerweile in den Vereinigten Staaten lebt, beherrscht ein uraltes Spiel, mit dem man die Zukunft berechnen kann. Bereits die Maya spielten es, allerdings in einer weitaus komplexeren Weise. Und sie berechneten, dass die Welt am 21. Dezember 2012 untergeht. Jed muss handeln ...
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Aus aktuellem Anlass, habe ich mich dazu durchgerungen, eine Rezension über »2012« von Brian D'Amato zu verfassen. Durchgerungen deshalb, weil es mir wirklich nicht leicht viel, dieses Buch zu Ende zu lesen. Da es für mich aber moralisch nicht – oder nur in seltensten Fällen – vertretbar ist, einen Roman nicht zu vollenden, quäle ich mich selbst durch die dicksten Schinken.
Dabei durchlaufe ich folgende Phasen:

Phase 1: Ich finde zwar von Anfang an keinen Einstieg, denke aber selbst bei Seite 50 noch: »Das wird schon, aller Anfang ist nun mal schwer ...« Weiter geht’s!
Phase 2: Ich werde langsam etwas ärgerlich, hoffe aber immer noch, dass dieses Buch etwas ganz Besonderes wird, gerade weil man etwas länger braucht, um in die Materie einzutauchen (solche Fälle sind mir tatsächlich untergekommen). Allerdings ertappe ich mich nun dabei, nicht mehr jede freie Minute, die ich habe, zum Lesen zu nutzen. Stattdessen räume ich auf, treibe mich verstärkt im Internet rum oder mache sonst was.
Kurz: Ich lenke mich selbst vom Lesen ab ...
Phase 3: Die Fassade bröckelt. Es fällt mir zunehmend schwerer, die Illusion aufrechtzuerhalten. Ich bin wütend und entmutigt. 400 Seiten und immer noch kein Aha-Erlebnis. Erste Selbstzweifel schleichen sich ein: Vielleicht verstehe ich dieses Buch einfach nicht. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, bestimmt gestaltet der Autor das Ende ganz phänomenal ...
Phase 4: Hass. Das, was ich insgeheim die ganze Zeit wusste, ist eingetreten. Das Ende ist nicht genial und der Autor hat auch nicht im letzten Moment das Ruder rumgerissen, um mich sprachlos dastehen lassen. Vielleicht sprachlos darüber, mal wieder kostbare Lebenszeit vergeudet zu haben. Ich pfeffere das Buch ins Regal und nehme mir vor, nie wieder ein Buch dieses Autors oder irgendeines Mitglieds seiner Familie zu lesen!

Jedenfalls habe ich beim Lesen von »2012« exakt diese Phasen durchlaufen, und bei satten 888 Seiten (an sich ein Grund zur Freude) war insbesondere Phase 4 recht ausgeprägt.
Ich möchte gar nicht sagen, dass der Roman unglaublich schlecht ist. Er beginnt vorausgreifend damit, dass das Bewusstsein des Protagonisten Jed in das Gehirn eines Maya »reist«. Ein Anfang, der manchen Leser bestimmt fasziniert, ich konnte leider nichts damit anfangen. Auch die mentalen Streitgespräche zwischen Besetzer und Besetztem, welchem auffällt, dass jemand die Macht über seine Schaltzentrale ergriffen hat, finde ich – gelinde gesagt – albern.

Weiter geht’s mit ausführlichen Beschreibungen zu Jeds Person, seiner Vergangenheit und natürlich zu den Maya. Und wenn ich ausführlich sage, dann meine ich ausführlich! Es ist recht ermüdend, wie sich Jed bzw. der Autor in Details ergeht. Historische Detailgenauigkeit in allen Ehren, aber das geht zu weit.
Dass Jeds Taufe »[...] am 2. November 1974 oder, nach unserer Zeitrechnung, 11 Heuler, 4 Weiße im fünften Uinal des ersten Tun im achtzehnten K'atun des dreizehnten und letzten B'ak'tun [...]« stattfand, ist einfach zu viel der Information. Und das ist noch harmlos.
In die sowieso schon ziemlich verworrene Geschichte rund um ein uraltes Mayaspiel, mit dem man die Zukunft berechnen kann (was sonst?), werden immer wieder s e i t e n l a n g Begebenheiten, Zustände oder Dinge beschrieben.
Zwar verleiht der Autor seinem Helden eine gute Portion Zynismus und Sprachwitz, dennoch bleibt die Figur des Jed erschreckend nichtssagend und blass gezeichnet. Und ich denke, dass ist das Schlimmste, was einer Romanfigur passieren kann. Normalerweise empfindet man irgendwas für den/die Protagonisten, sei es Bewunderung, Abscheu, Hass oder Mitleid – aber Jed Delanda war mir schlicht und einfach egal.

Was sich ebenfalls enorm störend auf den Lesefluss auswirkt, sind die zahlreichen Einwürfe in Jeds Muttersprache, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es sich um Spanisch, einen Maya-Dialekt oder beides handelt. Ich bin des Spanischen leider nicht mächtig ...
Extrem genervt haben mich zusätzlich die aus der Maya-Sprache übersetzten Namen einiger Bekanntschaften Jeds. Da begegnet man hier einem »3-Blaue-Schnecke« und dort einem »9-Reißzahn-Kolibri«. Auf Seite 551 wird uns ein Mädel namens »Scheißhaar« vorgestellt und wenige Seiten weiter ein hart arbeitender »Gürteltierschiss«.
Dass eine Dame, 'tschuldigung – eine Wiegerin der Nacht, namens »Frau Koh« auf Seite 495 durch einen Tippfehler in »Frau Kot« verwandelt wird, fällt inmitten dieser illustren Namensvielfalt nicht mehr sonderlich auf ...

Ich mag konstruierte Weltuntergänge ja sehr gerne, allerdings sollen sie bitte ein wenig plausibler daherkommen.
In diesem Sinne:
¡No me gusta mucho!

Donnerstag, 12. November 2009

FEUCHTGEBIETE


von Charlotte Roche

Kurz & knapp:
Die 18-jährige Helen liegt mit einer Analfissur, die sie sich beim Arschrasieren zugezogen hat, im Krankenhaus. Während sie dort gelangweilt ihre Zeit abliegt, sinniert sie zu einem darüber, wie sie ihre geschiedenen Eltern am Krankenbett wieder vereinen könnte und zum anderen über ihren Körper samt jeglicher Körperflüssigkeiten und Abfallprodukte, über Analsex und alle Arten der Masturbation.
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Oh, welch Prachtstück moderner Frauenliteratur! Poppig pink kommt es daher, um uns auch noch den letzten Rest Prüderie aus den Köpfen zu blasen.
Frage: Was passiert, wenn die anale Phase (→ siehe infantile Sexualität) eines Kleinkindes unterdrückt wird?
Richtig. Es schreibt später ein Buch über Popo und Kaka.

Mir geht es gar nicht so sehr um den Ekelfaktor. Klar, es IST ekelhaft, aber ich bin dank zahlreicher Horrorfilme und -bücher in meiner Jugend einigermaßen abgehärtet. Ich bin im Übrigen auch nicht verklemmt, falls der Verdacht hier aufkeimen sollte ...

Was mir viel mehr, sagen wir mal, unangenehm aufstößt, ist die Tatsache, mit welchem Trash Frau Roche versucht, Kohle zu scheffeln bzw. es wahrscheinlich sogar schafft ... Abgesehen davon, dass jeder Drittklässler anspruchsvoller schreiben könnte, ist die eigentliche Geschichte trivial: Helen liegt im Krankenhaus, stellt jede Menge Blödsinn mit ihrem Körper bzw. mit Teilen ihres Körpers an und verlässt die Klinik irgendwann wieder. Fertig. Ach so, zwischendurch darf der äußerst bedauernswerte Krankenpfleger Robin ihr geschundenes Hinterteil fotografieren, damit sich Helen und die Leser an diesem Anblick ergötzen können.

Der Versuch, dem Roman (eigentlich widerstrebt es mir, »Feuchtgebiete« als solchen zu bezeichnen) Tiefsinn zu verleihen, indem die schwierige Kindheit und innere Zerissenheit der Protagonistin höchst oberflächlich angerissen werden, ist einfach nur lächerlich. Als ob sich ein guter Roman dadurch definiert, dass die Hauptfigur nicht mehr alles Tassen im Schrank hat.
Natürlich muss man der Roche eines lassen: Ihre Masche, Inhaltslosigkeit durch stinkendsten Fäkalhumor auszugleichen, hat Erfolg; die Leute kaufen den pinken Schund wie verrückt und sei es nur aus Neugier.
Dem aufmerksamen Leser dürfte spätestens jetzt durch den Kopf schießen, dass ja auch ich drauf reingefallen bin, schließlich schreibe ich über den Quatsch. Weit gefehlt – ich habe mir das Buch wohlweislich NICHT gekauft, sondern von meinem netten Nachbarn ausgeliehen und es ihm postwendend zurückgebracht. Ergo, kein pinkfarbener Fleck verunstaltet mein Bücherregal, Glück gehabt! Wobei ich gestehen muss, dass mich besagter Nachbar nicht gerade mit gezückter Knarre dazu gezwungen hat, es zu lesen, die Neugier hatte auch mich gepackt, ich gebe es ja zu.

Anscheinend hat Frau Roche die Sache mit der neuen Frauenbewegung auf katastrophale Art und Weise missverstanden. Unter Frauenbewegung versteht man nicht das, was sich aus dem weiblichen Körper so alles »herausbewegt«. Die Mutter aller Frauenrechtlerinnen, Olympe de Gouges, würde sich wahrscheinlich in ihrem Grabe übergeben, mehrfach ...

»Feuchtgebiete« mag vielleicht ein – Achtung, Wortspiel – feuchter Traum einiger Männer sein und sicherlich finden auch einige Alphamädchen Gefallen an dem schnodderigen Gesülze. Ich weigere mich dennoch, diese geistige Diarrhoe im Endstadium als Literatur zu bezeichnen und möchte mich auch ganz herzlich dafür bedanken, dass ich beim Zubereiten eines schmackhaften Essens mit »Blumenkohl« zukünftig an eitrige Hämorrhoiden denken muss ...

»Feuchtgebiete«:
Ein kräftiger Tritt in den Arsch respektive in den Intellekt des anspruchsvollen Lesers!

Dienstag, 10. November 2009

AUSGEBRANNT


von Andreas Eschbach

Kurz & knapp:
Der Menschheit geht das Erdöl aus, da das weltweit größte Ölfeld in Saudi Arabien versiegt ist. Die Situation gerät außer Kontrolle, Chaos bricht aus und die Zivilisation steht kurz vor dem Kollaps. Markus Westermann, der in den USA den beruflichen Durchbruch schaffen möchte, glaubt, eine völlig neue Methode entdeckt zu haben, um Öl zu fördern. Aber ganz so einfach ist es nicht ...
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Ich muss gestehen, dass dieses Buch – obwohl griffbereit auf meinem Nachttisch – bereits etwas Staub angesetzt hat, bevor ich es endlich von seinem unwürdigem Dasein des Nicht-Gelesen-Werdens erlöste.
Nun, ich habe ein ausgeprägtes Faible für Romane mit apokalyptischer Tendenz, ja, ich gebe es zu, ich stehe wahnsinnig auf Weltuntergangsszenarien, auf das totale Chaos und auf die Ausrottung der Menschheit. Nur auf Papier versteht sich.

Warum das Buch trotzdem in Gefahr geriet, vergessen zu werden? Die Antwort ist: Öl. Mir war zwar durchaus bewusst, dass Öl unfassbar wichtig ist, die Welt regiert und am besten niemals versiegen sollte, aber deswegen gleich einen Roman zu diesem Thema lesen?
Bereits ab der ersten Seite des Buchs wurde mir dann schmerzhaft bewusst, wie unglaublich ignorant ich doch war, denn ich konnte gar nicht mehr aufhören zu lesen. »Ausgebrannt« hält den Leser von Anfang an auf Trab: Diverse Geschichten werden parallel erzählt und immer wieder neue Figuren ins Geschehen eingeführt. Zudem switcht Eschbach beständig zwischen Vergangenheit und Gegenwart, was dem Buch zusätzlich eine besondere Note verleiht. Mag man anfangs noch ein wenig verwirrt sein ob der zahlreichen Handlungsstränge und Personen, fügt sich nach und nach alles zu einem wunderbaren Ganzen zusammen, ohne allzu konstruiert zu wirken.

Ziemlich erfrischend finde ich die Tatsache, dass Markus Westermann (unser vermeintlicher Self-Made Man) keinen typischen Sympathieträger darstellt, zumindest für meinen Geschmack nicht. Wer sagt denn, dass Protagonisten immer nett sein müssen?
Ebenfalls extrem spannend finde ich die Einblicke in das alltägliche Leben im Königreich Saudi Arabien, welches für mich – trotz arabischen Blutes in meinen Adern – recht albtraumhaft erscheint.
Als Thriller würde ich das Buch nicht unbedingt bezeichnen, es ist eher ein Wissenschaftsroman, bestückt mit zahlreichen Daten und Fakten. Aber keine Angst, selbst vermeintlich trockene Fakten bezüglich des schwarzen Goldes fügen sich problemlos in die Geschichte ein und lassen sich flüssig lesen. Die Spannungskurve steigt kontinuierlich und ich musste mich permanent dazu zwingen, nicht vorschnell einen Blick aufs Ende des jeweiligen Kapitels zu riskieren. Vielleicht kennt der ein oder andere das, schlimme Sache ...
Zum Ende des Buches nur soviel: Es stimmt einen nachdenklich, eventuell sieht man unsere ach so fortschrittliche Gesellschaft mit etwas anderen Augen.

Ach so, das es sich ja schließlich um einen kritischen Blog handelt, soll es auch ein wenig Kritik hageln: Bei einigen (wenigen) Formulierungen könnte man denken, die Übersetzer hätten Mist gebaut. Allerdings ist »Ausgebrannt« ein deutscher Roman, folglich gibt es auch keine Übersetzter ... Viel mehr habe ich nicht zu bekritteln, möchte ich auch gar nicht. Bleibt nur noch Folgendes festzustellen:

Öl – hat mich dieses Thema früher fasziniert?
Nicht sonderlich.
Wird es mich in Zukunft interessieren?
Ein ganz klares JA!