
von Brian D'Amato
Kurz & knapp
Jed Delanda, ein Nachkömmling der Maya, der mittlerweile in den Vereinigten Staaten lebt, beherrscht ein uraltes Spiel, mit dem man die Zukunft berechnen kann. Bereits die Maya spielten es, allerdings in einer weitaus komplexeren Weise. Und sie berechneten, dass die Welt am 21. Dezember 2012 untergeht. Jed muss handeln ...
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Aus aktuellem Anlass, habe ich mich dazu durchgerungen, eine Rezension über »2012« von Brian D'Amato zu verfassen. Durchgerungen deshalb, weil es mir wirklich nicht leicht viel, dieses Buch zu Ende zu lesen. Da es für mich aber moralisch nicht – oder nur in seltensten Fällen – vertretbar ist, einen Roman nicht zu vollenden, quäle ich mich selbst durch die dicksten Schinken.
Dabei durchlaufe ich folgende Phasen:
Phase 1: Ich finde zwar von Anfang an keinen Einstieg, denke aber selbst bei Seite 50 noch: »Das wird schon, aller Anfang ist nun mal schwer ...« Weiter geht’s!
Phase 2: Ich werde langsam etwas ärgerlich, hoffe aber immer noch, dass dieses Buch etwas ganz Besonderes wird, gerade weil man etwas länger braucht, um in die Materie einzutauchen (solche Fälle sind mir tatsächlich untergekommen). Allerdings ertappe ich mich nun dabei, nicht mehr jede freie Minute, die ich habe, zum Lesen zu nutzen. Stattdessen räume ich auf, treibe mich verstärkt im Internet rum oder mache sonst was.
Kurz: Ich lenke mich selbst vom Lesen ab ...
Phase 3: Die Fassade bröckelt. Es fällt mir zunehmend schwerer, die Illusion aufrechtzuerhalten. Ich bin wütend und entmutigt. 400 Seiten und immer noch kein Aha-Erlebnis. Erste Selbstzweifel schleichen sich ein: Vielleicht verstehe ich dieses Buch einfach nicht. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, bestimmt gestaltet der Autor das Ende ganz phänomenal ...
Phase 4: Hass. Das, was ich insgeheim die ganze Zeit wusste, ist eingetreten. Das Ende ist nicht genial und der Autor hat auch nicht im letzten Moment das Ruder rumgerissen, um mich sprachlos dastehen lassen. Vielleicht sprachlos darüber, mal wieder kostbare Lebenszeit vergeudet zu haben. Ich pfeffere das Buch ins Regal und nehme mir vor, nie wieder ein Buch dieses Autors oder irgendeines Mitglieds seiner Familie zu lesen!
Jedenfalls habe ich beim Lesen von »2012« exakt diese Phasen durchlaufen, und bei satten 888 Seiten (an sich ein Grund zur Freude) war insbesondere Phase 4 recht ausgeprägt.
Ich möchte gar nicht sagen, dass der Roman unglaublich schlecht ist. Er beginnt vorausgreifend damit, dass das Bewusstsein des Protagonisten Jed in das Gehirn eines Maya »reist«. Ein Anfang, der manchen Leser bestimmt fasziniert, ich konnte leider nichts damit anfangen. Auch die mentalen Streitgespräche zwischen Besetzer und Besetztem, welchem auffällt, dass jemand die Macht über seine Schaltzentrale ergriffen hat, finde ich – gelinde gesagt – albern.
Weiter geht’s mit ausführlichen Beschreibungen zu Jeds Person, seiner Vergangenheit und natürlich zu den Maya. Und wenn ich ausführlich sage, dann meine ich ausführlich! Es ist recht ermüdend, wie sich Jed bzw. der Autor in Details ergeht. Historische Detailgenauigkeit in allen Ehren, aber das geht zu weit.
Dass Jeds Taufe »[...] am 2. November 1974 oder, nach unserer Zeitrechnung, 11 Heuler, 4 Weiße im fünften Uinal des ersten Tun im achtzehnten K'atun des dreizehnten und letzten B'ak'tun [...]« stattfand, ist einfach zu viel der Information. Und das ist noch harmlos.
In die sowieso schon ziemlich verworrene Geschichte rund um ein uraltes Mayaspiel, mit dem man die Zukunft berechnen kann (was sonst?), werden immer wieder s e i t e n l a n g Begebenheiten, Zustände oder Dinge beschrieben.
Zwar verleiht der Autor seinem Helden eine gute Portion Zynismus und Sprachwitz, dennoch bleibt die Figur des Jed erschreckend nichtssagend und blass gezeichnet. Und ich denke, dass ist das Schlimmste, was einer Romanfigur passieren kann. Normalerweise empfindet man irgendwas für den/die Protagonisten, sei es Bewunderung, Abscheu, Hass oder Mitleid – aber Jed Delanda war mir schlicht und einfach egal.
Was sich ebenfalls enorm störend auf den Lesefluss auswirkt, sind die zahlreichen Einwürfe in Jeds Muttersprache, wobei ich mir nicht sicher bin, ob es sich um Spanisch, einen Maya-Dialekt oder beides handelt. Ich bin des Spanischen leider nicht mächtig ...
Extrem genervt haben mich zusätzlich die aus der Maya-Sprache übersetzten Namen einiger Bekanntschaften Jeds. Da begegnet man hier einem »3-Blaue-Schnecke« und dort einem »9-Reißzahn-Kolibri«. Auf Seite 551 wird uns ein Mädel namens »Scheißhaar« vorgestellt und wenige Seiten weiter ein hart arbeitender »Gürteltierschiss«.
Dass eine Dame, 'tschuldigung – eine Wiegerin der Nacht, namens »Frau Koh« auf Seite 495 durch einen Tippfehler in »Frau Kot« verwandelt wird, fällt inmitten dieser illustren Namensvielfalt nicht mehr sonderlich auf ...
Ich mag konstruierte Weltuntergänge ja sehr gerne, allerdings sollen sie bitte ein wenig plausibler daherkommen.
In diesem Sinne:
¡No me gusta mucho!


